EU-Politiker entdecken Obsoleszenz

Ist es verkehrt Politiker prinzipiell für intelligent zu halten? Darf man erwarten, dass sie ihren Job machen? Haben Bürger das Recht Courage einzufordern? Kann Politik zur Abwechslung mal beweisen, dass sie die Vertretung des Volks sind? Hätte diese Problematik nicht viel eher angegangen werden müssen, um sich selbst zu sein – obsolet? 

Obsoleszenz hat seine Wurzel, wie so manches aus unserem Wortschatz, im Lateinischen. Abgeleitet wird es von obsolescere, was übersetzt wird mit, veralten, sich abnutzen, an Wert verlieren. Von daher nichts Besonderes oder Ungewöhnliches, denn jedes Gebrauchsstück unterliegt einer Abnutzung. Es gäbe auch keinen Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, wäre da nicht die Industrie, die ihre eigene Vorstellung von “Lebensdauer” hat. Grob lässt sich Obsoleszenz in zwei Arten unterteilen, die eingebaute und die eingeredete.

Eingebaut

Dieser Unfug hat die Obsoleszenz in den Schmutz gezogen. Gerätschaften, die knapp nach der Garantiezeit kaputt gehen. Kaum jemand, der davon kein Lied singen kann. Mit Ausnahme der nachwachsenden Jugend, die es nicht anders kennt. Natürlich sparen die Hersteller nicht mit Absicht durch die Verwendung minderwertiger Einzelteile. Zur Not hat immer der Konsument Schuld, für den nur Geiz geil ist. Womit die Industrie in Teilen durchaus Recht hat – leider. Ursachenforschung hierzu führt schnell in eine Henne/Ei-Schleife. Letztlich braucht es beide Seiten, um den bisherigen Pfad zu verlassen.

Eingeredet

Durch die Gewöhnung an die eingebaute Obsoleszenz, war es für die Industrie ein Leichtes, noch eine Schippe drauf zu legen. Schnelle Modellwechsel und ausgeklügeltes Marketing machen aus aktuellen Top Geräten innerhalb weniger Monate Ladenhüter. Völlig überzogen wird es, wenn Hard- und Softwareproduzenten zusammen arbeiten. Der Verbraucher wird zum macht- und hilflosen Spielball. Weil seine niederen Instinkte angesprochen werden, hat er kaum Chancen auf Gegenwehr. Die Verdrossenheit hierüber nimmt hingegen zu [1].

Ehre

Wer mit eigenen Händen etwas (er)schafft, gibt sich Mühe. Nicht nur damit es möglichst lange hält, sondern weil es der eigene Anspruch gebietet. Niemand will sich blamieren, wenn es im unpassendsten Moment kläglich zusammen bricht. Es ist eine Sache von Ego und Stolz. Anders bei den industriellen Produzenten, denen ihr Ansehen schiet egal ist, solange die Kohle stimmt und ihnen die Aktionäre nicht auf den Kopf steigen. Ob sie nun Schrott bauen, oder ihre vollmundigen Lobeshymnen den Bestand einer Eintagsfliege haben, ist für sie irrelevant. Peinlich schon gar nicht. Bei der Ehre fühlen sie sich erst gepackt, will man ihnen ans Geld, dann werden sie biestig. Wie ein Raubtier verteidigen sie ihre Beute.

Politik

Mischen sich die Lakaien der Wirtschaft ein, mit der Intention die Hand gegen ihre Gebieter zu erheben, wird es spannend. Mit einer Armada aus Einflüsterern versucht die Industrie eben dies zu verhindern und sich den maximalen Spielraum zu erhalten. Es ist ein Frevel, ihr Heiligtum anzukratzen.

Nun ist es aber so, dass unser aller Leben weitestgehend reglementiert ist und Politiker in der Nase bohren müssten, fände sich nicht dann und wann ein neues Spielzeug zur Beschäftigung. Tatsächlich wären sogar reichlich Betätigungsfelder vorhanden, die couragierte Eingriffe nötig hätten.

Doch da offenbart sich der wunde Punkt: Courage. [2]

Gelangt ein Thema, was in der Bevölkerung längst gärt, in den Fokus der Politik, und richtet sich prinzipiell gegen das Gebaren der Wirtschaft, ist Vorsicht geboten. Politiker sprechen nicht die Sprache des Volks und verstehen es somit nicht richtig. Daher neigen sie zu eigentümlichen Interpretationen der jeweiligen Thematik und in der Folge zu ebenso fragwürdigen Handlungen. Deren zwanghafte Profilierungs- und Machtsucht treibt so manch Stilblüten aus.

Verfall

Die Möchtegern Herrscher in Brüssel, die es nur schwer verknusen können das fünfte Rad am Wagen zu sein, haben endlich herausgefunden, was Obsoleszenz bedeutet [3] [4]. Ob ein Zusammenhang zur stattfindenden Obsoleszenz der Europäische Union besteht, dürfte aber reine Spekulation sein.

Viele Jahre haben Politiker dem bekannten Credo gefrönt: Nichts sehen, nicht hören, nichts sagen. Dem alltäglichen Wahnsinn zollten sie nicht den Respekt ihrer Wahrnehmung. Kürzer werdende Wechselrhythmen der Gerätschaften kamen schließlich ihrem Herrchen zu Gute und der Arbeitsplatz-Joker stach immer – auf beiden Seiten.

Die Diskrepanz zwischen dem faktisch nicht in den proklamierten Ausmaßen vorhandene, aber künstlich vorangetriebene Verfall von Smartphone und Co., konnten sie nicht länger ignorieren. Die Krux ist, dass sich die verantwortlichen Firmen allesamt außerhalb ihres Einflussbereichs befinden. Natürlich gäbe es Optionen, käme ihnen nicht ein selbst platzierter Stolperstein ins Gehege. Teile der angestrebten und von ihnen hoch gejubelten Freihandelsabkommen bergen explosive Sprengfallen, deren Schadenspotential von ihnen selbst auf unverantwortliche Weise klein geredet wird. Ob hier wieder die drei Affen im Spiel sind, oder schlicht die Tatsache, dass für die Schäden nicht sie, sondern die Steuerzahler blechen müssen, ist an dieser Stelle uninteressant. Treten die Abkommen wie angedacht in Kraft, lehnen sich die Unternehmen entspannt zurück. Dann werden sie Auflagen wichtigtuerischer Politiker sogar begrüßen. Schiedsgerichte sind das Schlaraffenland der Wirtschaft.

Heiße Luft

Anzunehmen ist, dass der aufgetretene Aktionismus endet wie meistens: Als aufgeblasener Luftballon, der unverschlossen wieder in sich zusammenfällt, oder löchrige Hülse, durch deren Hintertüren die heiß gestrickten Ambitionen entweichen.

Bedarf

Zweifellos steckt in heutigen Smartphones Technik, die nicht nach einem halben Jahr veraltet ist. Natürlich drehen sich die Hersteller bei diesem Aspekt im Kreis. Langsamer Entwickeln oder einen Status zeitlich beibehalten, ist für sie gleichbedeutend mit Stillstand und verhält sich konträr zur bestimmenden Direktive. Sie sind dem irrationalen Glauben vom unendlichen Wachstum verfallen und müssen Geld generieren, auf Teufel komm raus. Zu ihrem Glück springt ihnen dieser tatsächlich Beiseite. In einem speziellen Fall behauptet dieser allerdings gerade nicht teuflisch zu sein. Schwinden den Hardware Herstellern die Argumente, helfen die Kollegen aus der Software Sparte aus.

Bedarf ist fest in den Genen der Natur verankert und überlebenswichtig, auch beim Homo Sapiens. Dient es bei Tieren und Pflanzen einzig der Sicherung des Überlebens, reichte dies dem Mensch nicht. Er hat unter anderem Gier, Neid und Lust zusätzlich in seinen Kopf einziehen lassen. Aus Bedarf nach dem Nötigsten wurde ein unersättliches Verlangen.

Aus diesem Grund schaukeln sich die Markt relevanten Faktoren, Angebot und Nachfrage, gegenseitig zu immer höheren Sphären.

Regeln

Politik soll als regulatorischer Vermittler zwischen den gegensätzlichen Positionen fungieren. Ihre Aufgabe ist es, mit Regeln für ein Gleichgewicht zu sorgen. Die letzten Jahrzehnte zeigen jedoch, dass die mit dieser Verantwortung beauftragten Personen den Anforderungen nicht gewachsen waren – und nicht sind. Leider. Ein genauerer Blick offenbart vielmehr eine zunehmende Unfähigkeit. Politiker sind in ihrem Anspruch verstrickt. Reden statt regeln. Erkennen die Sackgassen ihres Handelns nicht. Sie sind der Selbstüberschätzung verfallen und huldigen den Irrglauben von der Unfehlbarkeit.

Existierte nicht eine Basis an Regeln, wären heutige Politiker überfordert. Es würde sichtbar werden, dass das Volk nur Nieten gezogen hat.

Fazit

Sicher ist es begrüßenswert, dass Politiker die Problematik der Obsoleszenz für sich entdeckt haben. Ebenfalls sicher ist, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht. Und so sicher wie das Amen in der Kirche ist, dass am Ende nichts Belastbares herauskommen wird.

Man kann es drehen und wenden wie man will, Politik hat für die eigene Obsoleszenz gesorgt. Durch ihre Versäumnisse hat ein Sachgegenstand die Regentschaft übernommen: Geld.

Politiker kämpfen schwer mit der Erkenntnis, nur noch Erfüllungsgehilfen zu sein. Vielleicht sollten sie mit der Regulierung der Obsoleszenz bei sich anfangen.

Weitere Informationen:

[1] Studie: Es muss nicht immer das neueste Smartphone sein (Heise)

[2] Mein persönliches Lieblingsbild stammt von A. Paul Weber: Rückgrat raus!
Neben weiteren gesellschaftskritischen Bildern ist es auf dieser Webseite des A.Paul Weber Museums zu bewundern.

[3] EU-Abgeordnete fordern Maßnahmen für längere Lebensdauer von Produkten (EU-Parlament)

[4] Produktlebensdauer: EU-Parlament gegen „Software-Obsoleszenz“ (Heise)