Angstwähler

Wo der Artikel über die Prostestwähler aufhört, geht es hier weiter in die Tiefe. Immer wieder wird von irrationalem, unüberlegtem, reflexartigem, impulsgesteuertem Verhalten gesprochen, doch wird auch mal hinter die Kulissen geschaut? Natürlich nicht, dafür fühlen sich die “Qualitäts”medien nicht zuständig. Ob nun aus Unvermögen, Unwissenheit oder schlichtem Desinteresse, sei mal dahin gestellt. Vielleicht sind sie ebenfalls davon befallen, weil es ein ebenso schwieriges wie gefährliches Thema ist: Angst. 

Oberflächlich und plakativ wird uns inflationär der Begriff Protestwähler um die Ohren gehauen. Feinfühlig beleuchtet wird er von den verbreitenden Medien hingegen nicht. Ob diese mit den Hintergründen überfordert sind, oder keine Motivation verspüren Tiefer in die Materie einzusteigen, bleibt deren Geheimnis. Meine ersten Annäherungen im gleichnamigen Artikel lassen erahnen, dass eine Auseinandersetzung mit der Thematik Gefahrenpotentiale in sich birgt. Es ist eher nicht verwunderlich, dass die Presselandschaft versucht, dieses Minenfeld zu umschiffen.

Detaillierter

Beim Schreiben des besagten Artikels stellte ich fest, dass die Titulierung als Protestwähler und selbst meine Ausführungen, noch zu Kurz greifen, weshalb diese Fortsetzung notwendig ist. Denn wahrheitsgetreuer ist es, diese Menschen als Angstwähler zu bezeichnen und entsprechend Ernst zu nehmen. Ihnen pauschale Stempel aufdrücken und in Ecken schieben, wo sie nicht hingehören und sich selber auch nicht sehen, ist billig. Sie zu verspotten und diffamieren gar verächtlich. Es schürt und verstärkt deren Widerstand.

Angst ist ein auf die Zukunft gerichteter Zustand, getrieben von Ungewissheit und Unsicherheit, die als Angriff auf die Individualität gedeutet werden können. Zwei Werte sind hier im Besonderen hervorzuheben: Existenz und Achtung (Respekt).

– Existenz: Indiskutabel, dreht es sich um das nackte (Über-)Leben. “Erlange ich mit dem Einsatz der mir zur Verfügung stehenden Ressourcen ein lebenswertes Niveau?” [1]
– Achtung (Respekt): Mitglied einer sozialen Gemeinschaft zu sein, ist in unseren Genen fest verankert und nicht ohne Folgen ausgrenzbar. “Werde ich als Individuum respektiert und meine Beiträge zur Gemeinschaft beachtet?” [2]

Angst Reaktionen

Angriff ist die beste Verteidigung. Hört sich gut an. Löwe, Tiger, Nashorn, Elefant und Co. wählen wahrscheinlich instinktiv diesen Weg. Jener Instinkt veranlasst aber auch den Rückzug, sollte das eigene Leben in Gefahr geraten.

Flucht nach Vorne. Augen zu und durch, einfach nur weg, bloß keine Konfrontationen. Klingt nach der unkompliziertesten Methode. Baut sich auf dem Fluchtweg eine Wand aus intellektuellen Ignoranten auf, fällt diese Option flach. An vorgefertigten Meinungen prallen anderslautende Argumente ab.

Wild um sich Schlagen. Gibt menschliche Reaktionen am Ehesten wieder. In der Regel wird dieser Zustand Panik genannt.

Panikwähler?

Angst blockiert eine klare Bewertung. Entscheidungen sind Impulsgesteuert. Irrationales Handeln ist die Folge. Wie passt das auf die heutige Situation?

Perfekt, denn sämtliches Ungemach wird umfangreich bedient. Beispielhaft seien im Folgenden nur die hervorstechendsten Auslöser geschildert.

Finanzkrise

Was in den Köpfen ankommt: Gierige Finanzzocker haben sich verspekuliert und werden von den Steuerzahlern gerettet. Doch statt Demut machen sie weiter, als wäre nichts geschehen und stopfen sich unbeeindruckt die eigenen Taschen voll.

Flüchtlinge

Was in den Köpfen ankommt: Jahrzehnte der Entwicklungshilfe treibt Millionen Menschen zur lebensfeindlichen Flucht. Alle Spenden und Unterstützungen waren/sind demnach unnütz und etablierten lediglich einen neu zu fütternden Wirtschaftszweig, bereichern somit die falschen Taschen. Also trotz der Milliarden Zahlungen werden jetzt Europas Sozialsysteme und Gesellschaften zusätzlich belastet. Wohin sind die Massen an Gelder versickert? Die paar Brunnen, Schulen und Medikamente können nicht so teuer sein?

Altersarmut

Was in den Köpfen ankommt: Gebuckelt bis an körperliche Grenzen kann ich die Miete nicht bezahlen und muss um staatliche Unterstützung betteln, oder hoffen als alter Sack eine unterbezahlte Tätigkeit zu finden, um wenigstens ein paar Kröten dazu zu verdienen. Unterdessen bleiben die Ausbeuter von einer angemessenen gesellschaftlichen Beteiligung verschont, weil die Hofnarren in der Politik sich gegen die Erhöhung des Spitzensteuersatzes sperren. Wo bleibt die Prämie für Suizid, weil man der Elite die verdiente Rente erspart?

Verbraucher

Dieselskandal, Eierskandal, Atommüll, Fipronil, Glyphosat, Antibiotikaresistenz, Zucker, Verpackungsgrößen – um nur die aktuellsten Ereignisse aufzuzählen.
Was in den Köpfen ankommt: Verbrauchen sollen krank gemacht und abgezockt werden. Der Industrie wird der rote Teppich ausgelegt und Schuhe geleckt, die Zeche wird aus der Bevölkerung gepresst. Zum Wohle immer weniger, immer reicher werdende Magnaten sind deren Wünsche Befehle für die Politiker Inzucht. Wahrscheinlich ist der Plan dahinter, das Bevölkerungswachstum auf natürlicher Weise nicht explodieren zu lassen.

Arbeitsplätze

Gebetsmühlenartig wird seit geraumer Zeit verstärkt das Mantra vom Erhalt der Arbeitsplätze in die Köpfe gehämmert. Psychologisch geschickt, denn durch die penetrante Wiederholung wird es als Wahr angenommen. Dabei ist es übelster Schwachsinn. Am Status festhalten bedeutet Stillstand und das Verhindern von Entwicklung. Mit dieser Einstellung würden wir immer noch in Höhlen hausen und keine Smartphones in den Händen halten. Ein weiterer Irrweg ist der ungezügelte Wachstum. Wie alles auf dieser Welt, ist auch Wachstum endlich. Im Gegenteil, bedeuten immer größer werdende Unternehmen immer weniger Arbeitsplätze. Dezentral und kleinere Strukturen/Firmen bringen mehr Menschen in Arbeit.

Was in den Köpfen ankommt: Politik und Medien behaupten, dass es uns so gut wie nie geht. Warum nimmt die Anzahl der Tafeln zu und werden die Schlangen davor immer länger? Warum kommen trotz Einschränkungen immer mehr Menschen nicht über den Monat? Es gibt noch viele warums, entscheidend ist, dass Diskrepanzen zunehmen und offensichtlicher werden. Schein und Sein spüren die Menschen am eigenen Leib und erkennen die heiße Luft im vollmundigen Politiker Gequatsche.

Politik

Was in den Köpfen ankommt: Es wird gegen das Volk regiert und über dessen Unverständnis noch verächtlich der Kopf geschüttelt. Verteilt wird an die Wirtschaft, die zudem geschickt jede soziale Beteiligung auf ein Minimum reduziert und alles unternimmt, um sich vor Steuerzahlungen zu drücken. Globalisierung und weltweite Firmengeflechte sei Dank.

Zusammenhang

Frust liegt nahe, denkt aber viel zu Kurz. Symbolisch hingegen der Abgang der FDP. Von jeher Partei der Wirtschaft und Besserverdienenden, spiegelt deren Stimmenverluste die Aufspaltung der Gesellschaft. [3]

Weitreichender sind die angerissenen Auslöser. Die Politik signalisiert deutlich, lediglich deine Einzahlungen (Steuern) haben einen Wert, für mehr halten wir dich nicht kompetent! Dem Großteil der Bevölkerung wird ein Verstehen der weltweiten Verstrickungen abgesprochen. Die hingegen bezweifeln, dass Politiker die weltweiten Auswirkungen ihrer engstirnigen Herrschaft überblicken, weil sie nur für den Zeitraum ihrer Legislaturperiode denken.

Auf wenige Worte reduziert: Wer nicht zur Steigerung des Shareholder Values beiträgt, ist nicht gesellschaftsfähig. Mag sich das Vokabular geändert haben, bedeutet es ich Herrscher, du Sklave! Es braucht schon viel Vernunft, um anständig dagegen zu halten.

Versteher

Werden Erwachsene für Hilflos und Unselbstständig gehalten, oder wie bockige Esel behandelt, gärt in ihnen der Protest. Verspricht ihnen Jemand Gehör, reichen sie Demjenigen die Hand. Letztlich obsiegt ihre Angst, ihr Überlebensinstinkt, nicht im Morast der Bedeutungslosigkeit versinken zu wollen. In dieser Situation gibt es zwischen rette mich und lebender Zombie keine Abstufungen; entweder Hop oder Top. Zumindest derzeit existiert kein gesundes Mittelmaß. Einzig der Griff zum Extremen bietet sich als rettendes Ufer an.

Dies erschüttert, nimmt doch die Mitte weiter ab, in welcher sich die Mehrheit aufgehoben und sicher fühlt. Offene Grenzen ermöglichen eine Invasion gebietsfremder Lebensinhalte und -vorstellungen, dessen Bedrohungspotential kleingeredet wird, aber genutzt wird, um den Überwachungsstaat auszubauen. Gezielt nutzen beide Seiten die Angst.

Am Ende

Immer heißt es, aus der Geschichte lernen. Eben diese zeigt zu genüge, wo es endet, wenn sich Ansichten und Fronten verhärten. Mit immer stärkeren Mitteln versucht sich die Macht durchzusetzen und alles Unliebsame zu unterbinden. Lehrt die Vergangenheit, dass sich Widerstand im selben Maße aufbaut, brodeln die Konfrontationen bereits überall langsam hoch.

Statt weniger, gebärt Politik immer mehr Despoten.
Statt weniger, überzieht immer mehr Krieg die Welt.
Statt weniger, breitet sich Armut und Hunger aus.

Statt mehr, zeigt Politik immer weniger Einsicht.
Statt mehr, beteiligt sich Wirtschaft immer weniger an der Gemeinschaft.
Statt mehr, nimmt Respekt und Toleranz allerorts ab.

Ohne Rücksicht auf Verluste regelt die Natur sich selbst. Längst hat sie den Reinigungsprozess gestartet, um sich von lästigem Unrat zu säubern. Weil aber mal ein gerissener Mensch irgendwas von Untertan machen geschrieben hat, glauben wir ja an unsere Unbesiegbarkeit. Aber irren ist …? Genau, menschlich.

Korrupte Von Lobbyismus zerfressene Politik hat in den letzten zwei Jahrzehnten viele Chancen für eine friedliche Entwicklung ignoriert. Damit haben sie den kommenden GAU selbst gefüttert. Ihr heuchlerisches Erstaunen träufelt nur weiteres Öl in die brennenden Flammen.

Und nun?

Protest entsteht aus Angst. Wer von Protestwählern redet, hat sich nicht die Mühe gemacht, hinter die Kulissen zu gucken. Damit ist ein Verstehen ausgeschlossen. Dennoch alle anders Denkenden über einen Kamm zu scheren, zeugt nur von dem Versuch, alle Gleich zu machen.

Bleibt unbequem! Ignoriert die Stempel, die euch von kurzsichtigen Nicht-Verstehern aufgedrückt werden! Wählt Protest, auch wenn es mangels Alternativen schwierig ist, aber geht Wählen!

Überarbeiteter Beitrag, der ursprünglich am 22.12.2016 auf einem meiner anderen Blogs veröffentlicht wurde, aber auf Grund einer Neuausrichtung dort nicht mehr abrufbar ist.

[1]: Natürlich träumt auch der Gabelstaplerfahrer in einer Spedition von der großen Villa mit Swimmingpool, ist aber letztendlich froh, wenn sein Verdienst für ein adäquates Leben reicht.

[2]: Vorgenannter vermag nicht über elitäre Artikulierungsfähigkeiten verfügen und akzeptiert durchaus seine Stellung in der Hierarchie; als Minderwertig komplett missachtet zu werden hingegen nicht.

[3]: Zukunft und FDP sind unvereinbar, auch wenn sie mit Christian Lindner einen betörenden Redner gefunden haben. Sozial hat noch nie Platz in deren Programm gefunden, vielmehr sind ihnen jegliche Schichten unterhalb der Führungsebene ein Gräuel. FDP Wähler denken an sich und haben Ausbeutung zum Ziel. Deswegen tendieren deren Wahlergebnisse zu dem 1% der Mächtigen. Sorgt dafür, dass es so bleibt!

Weitere Informationen:

Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt (Das Magazin, inzwischen hinter einer Bezahlschranke versteckt)

Armuts- und Reichtumsbericht: Bundesregierung zensiert unliebsame Studie (LobbyControl)

Gelenkte Wirklichkeit: Bundesregierung streicht brisante Stellen aus Armutsbericht (Telepolis)

Streichungen im Regierungsbericht: Die Autorin der brisanten Studie im Interview (LobbyControl)

Gestrichene Passagen im Armutsbericht: Was hinter dem Streit über die Gutverdiener steckt (Manager Magazin)

Biologische Invasion (Wikipedia)