Protestwähler

Keinen Schimmer

… mit scharfem Senf, bitte!

Protestwähler

Der Mensch macht es sich gerne leicht, woran erst mal nichts auszusetzen ist, trägt doch jeder seine Päckchen durchs Leben. Zur Erleichterung wird dann vermeintlich Zusammenhängendes unter Oberbegriffen gebündelt, Lügenpresse zum Beispiel. Weil BILD und Focus mehr an Aufmerksamkeit, als an Wahrheit interessiert sind, färbt es auf sämtliche Publikationen ab, was aber durchaus nicht abwegig ist. Warum die Lügenpresse Schreier ihr Geld ausgerechnet für die größten Schmierfinken ausgeben, gehört zu den vielen ungelösten Rätsel angeblicher menschlichen Intelligenz.

In einen Topf

Nun gut, hier dreht es sich nicht um das sinkende Niveau der Medien. Im Fokus steht die Gleichmachung, dieses über einen Kamm scheren. Wer nicht mehr differenziert, darf sich nicht wundern, wenn er/sie/es nicht Ernst genommen wird. Vielmehr verkennt er/sie/es, dass sich mit einer Gleichsetzung der Unmut bei denen erhöht, die sich ungerechterweise in einem Topf wiederfinden, dessen Stempel sie nicht entsprechen.

Beispiel? Die ewig Gestrigen wählen AfD, weil diese, im Gegensatz ihrer bisherigen Favoriten, anerkannt ist und bei diversen Landtagswahlen erfolgreich war. Weil die Medien es gerne einfach haben, erkoren sie daraufhin alle AfD-Wähler zu Rechtsextremisten. Postwendend wurden alle Medien zur Lügenpresse deklariert. Mangels Differenzierung schaukeln die Lager sich auf und Fronten verhärten sich.

Abwenden

Unverstanden wenden sich immer mehr Menschen ab. Wer sich traut, geht auf die Straße demonstrieren. (Damit sind nicht die Krawallmacher gemeint, die in Dummheit versinkend nur zerstören und nirgends erwünscht sind.) Wem diese öffentliche Präsenz nicht geheuer ist, drückt seine Unzufriedenheit bei Wahlen aus und landet im Topf der Protestwähler. Weil von dieser Gruppierung vielerorts die AfD profitiert, ist es für die Medien der bequemere Weg, diese in den Topf der Rechtsextremisten zu werfen, als sich genauer damit auseinanderzusetzen. Kein Wunder, dass die Stimmen zur Lügenpresse lauter werden und der Ton rauer.

"Die Aggressivität nimmt zu", "der Ton wird aggressiver", "der rechte Rand vergrößert sich", "latent fremdenfeindlich" - alles Aussagen, die u.a. von Justizminister Heiko Maas im Magazin Bericht aus Berlin vom 27.11.2016 getätigt wurden. [Hinweis]

Notwendig

Reduziert man Extremismus nicht auf politische Randerscheinungen, eröffnet sich der Blick dafür, dass er Grundlage von Evolution ist; der Antrieb hinter Entwicklung und Anpassung. Allerdings benötigt er einen Auslöser: Unzufriedenheit. Oder positiv ausgedrückt, der Wunsch durch Veränderung verbesserte Umstände zu erreichen. Erst das Überschreiten von Grenzen ermöglicht die Ausdehnung von Wissen und Erweiterung von Fähigkeiten.

Insofern ist der Protestwähler ein Extremist, aber nicht zwangsweise fremdenfeindlich oder irgendwelchen Randbewegungen zuzuordnen. Er drückt seine Unzufriedenheit aus und weist auf ungünstige Entwicklungen hin. Weil er aber hochnäsig abgehandelt wird, nimmt seine Verärgerung und Wut zu.

Entwurzelt

Der Politik Apparat hat sich von der Masse abgekoppelt und nur wenige Erlauchte an seiner Seite mitgenommen. Diese Missachtung schürt bei den Übergangenen Verachtung. Vernachlässigt halten die Allein gelassenen Ausschau nach Ersatz. In ihrer Würde verletzt, greifen sie zu Allem, was Heilung verspricht. Schon steht der nächste Topf bereit: Populismus. Wer zum Lautsprecher der Proteste avanciert, wird zum Populisten degradiert. Bedauerlich ist, dass die Medien eine solche Positionierung negativ besetzen. Wieder mal leicht gemacht.

Der Protestwähler kann nicht wählerisch sein, weil ihm keine Wahl angeboten wird. Deswegen hat in Amerika Donald Trump das Rennen gemacht und könnte in Europa dort zu unerwarteten Ergebnissen führen, wo Wahlen anstehen.

Abgehängt

Lediglich von einer Kluft zwischen Arm und Reich zu sprechen, ist Verantwortungslos und viel zu Kurz gedacht. Schon vor Jahren hat man das Bürgertum stehengelassen. Dieses Anhängsel scheint der Politik lästig zu sein, weil unterstellt wird, dass das Volk die Zusammenhänge nicht versteht und überhaupt alles viel zu kompliziert ist. Die gewählten Volksvertreter sprechen längst nicht mehr die Sprache ihrer Wähler. Immer breiter wird der Spalt zwischen Politik und Bürgern. Es ist müßig eine Liste an Verfehlungen seitens der Politik aufzustellen. Die schwerwiegendste und ausschlaggebendste ist, den Dialog mit den Bürgern eingestellt zu haben. Deckel auf den Topf, aber das Feuer darunter brennen lassen. Unweigerlich beginnt das Wasser darin zu kochen und der innere Druck steigt.

Vulkane explodieren, weil es den physikalischen Gesetzmäßigkeiten entspricht – und sie keine Wahl haben. Warten, bis der Druck im Topf ihn explodieren lässt, beweist hingegen die Ignoranz der Verantwortlichen, den Inhalt nicht Ernst zu nehmen.

Gefahr droht nicht von denen, die sich in Randpositionen bewegen, selbst nicht von den Krawallmachern, denen es nie um die Sache geht. Sondern von den Vergessenen. Ignoranz ist für Menschen die schlimmste und quälendste Bestrafung. Bevor aber der letzte Funke an Hoffnung erstickt, aktivieren sich automatisch natürliche Mechanismen: Gegenwehr – Auflehnung.

Verstimmung

Eine Explosion zu verhindern, ist mit der jetzigen Belegschaft nicht vorstellbar, dafür agieren sie zu Selbstherrlich und Eigenmächtig. Hat sich die sogenannte Mittelschicht bisher bemüht wegzugucken, ziehen sich auch hier vermehrt Unwetter zusammen. Die Umverteilungen zu ihren Lasten können sie nicht mehr ausgleichen und daher nicht mehr wegdiskutieren.

In Amerika hat eine ungeahnte Eruption statt gefunden. Bekannt ist, dass sich Schlammmassen unkontrollierbar ihren Weg bahnen und eine Schneise der Zerstörung ziehen. Leider ist es zynisch, aber der Gang der Geschichte, dass erst Katastrophen zum Umdenken führen. Allerdings hält das Mantra aus Fehlern lernen nie lange an. Wie viel Druck sich in Europas Kesseln aufgestaut hat, werden wir gewahr, wenn sie sich entladen. Die Angst der Protestwähler liegt in einer ungewissen Zukunft, weil sie von der Mitgestaltung ausgegrenzt werden, obwohl sie die Hauptbetroffenen sind. Ihnen wird die Mündigkeit hierzu abgesprochen.

Politik sieht mehr nach Luftgitarre spielen aus: So tun, als ob. Das wäre allerdings eine wohlwollende Beschreibung für deren unorthodoxes Gehampel. Schlimmer ist, dass sie es uns ernsthaft als sagenhafte Komposition verkaufen wollen. Womit wir wieder bei der grundlegenden Problematik der Verständigung angelangt sind. So drehen wir uns noch ewig im Kreis und erreichen nichts.

Ende mit Schrecken

Ein Ausbruch lässt sich kaum noch verhindern und scheint notwendig zu sein, weil Alternativen von der Elite beiseite gewischt werden. Über mögliche Folgen kann hervorragend spekuliert und leere Zeitungsseiten befüllt werden. Ganz nach dem Geschmack der Lügenpresse Medien. Einzige Hoffnung bleibt, dass es immer anders kommt, als man denkt. Man kann es dann passiv über sich ergehen lassen, oder man versucht es aktiv zu verhindern bzw. zu gestalten.

In diesem Sinne: Wählt Protest!

… oder erst mal lesen, warum Angstwähler die treffendere Bezeichnung ist.


Hinweis: Es steht nicht dabei, wie lange der Beitrag in der Mediathek abrufbar ist und könnte daher irgendwann nicht mehr zum gewünschten Ziel führen. (Stand 07.08.2017 funktioniert es noch)


Überarbeiteter Beitrag, der ursprünglich am 02.12.2016 auf einem meiner anderen Blogs veröffentlicht wurde, aber auf Grund einer Neuausrichtung dort nicht mehr abrufbar ist.


09.08.2017 | Tags: #btw17 #Bundestagswahl #Menschen #Politik #Unfähig #Wirtschaft #Zukunft

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