Keinen Schimmer

… mit scharfem Senf, bitte!

Mitte der Gesellschaft

Bereits im Wahlkampf inflationär zum Einsatz gekommen, versucht nach dem desolaten Wahlergebnis ein Jeder, der sich für beflissen hält, das letzte Quäntchen Deutungshoheit aus der Phrase zu pressen. Neben Politikern beteiligen sich auch Medien an diesem Versuch. Ohne die sichtbare Angst, Panik, Hilflosigkeit und Verzweiflung in den Gesichtern der Darsteller, könnte man die Floskel für Geschwätz halten. Durch die zugesprochene Gewichtung rückt sie zwangsweise in einen zu betrachtenden Wahrnehmungsbereich.

Unverrückbar ist die Mitte immer Teilmenge eines Ganzen. Ihre Ausdehnung kann dabei von punktuell bis an die Grenze des Objekts reichen, obwohl dies recht Sinnfrei wäre. Letztlich ist es eine Frage der Definition. Bis dahin bleibt es eine schwammige Aussage, eine Plattitüde – inhaltslos und unbedeutend.

Eine weitere Eigenschaft der Mitte ist, sich gleichförmig auszudehnen; einseitige Schneisen bilden sich nicht, ohne mit ihrem grundsätzlichen Terminus zu brechen. Beliebigkeit gehört gerade nicht zu ihrer Bestimmung.

Im Zuge der Debatten wird von einer Ausdehnung der Ränder gesprochen. Hauptsächlich von einer Zunahme des rechten Rands oder gleich von einer Verschiebung der Mitte nach Rechts. Gerade Letzteres macht die penetrante Nutzung der Phrase ad absurdum und beweist lediglich die Gedankenlosigkeit der Verwender. Ersteres bedeutet hingegen eine Verkleinerung der Mitte und das weitere Ränder existieren müssen. Ein linker Rand findet durchaus Erwähnung, während Oben und Unten in diesem Zusammenhang eher vernachlässigt werden; wobei sie mit Reichen und Armen durchaus Bestand haben. Diese beiden Gruppen zeigen, auf Grund ihres starken Größenunterschieds, wie Sinn befreit die Redewendung ist.

Nimmt also, wie vielstimmig tituliert wird, der rechte Rand aus der Mitte her zu, entsteht an dieser Seite eine Delle. Die gegenüber liegende Seite verhält sich nicht symmetrisch, weshalb eine ungleichmäßige Verteilung vorliegt. Unstrittig sind auch Oben und Unten extrem ungleichförmig. Insgesamt ergibt sich eine stark deformierte Darstellung. Eine Mitte ist da kaum auszumachen und erst Recht nicht so zu benennen.

Aus dem unaufhörlichen Gerede lässt sich ableiten, dass die wohlgeformte Mitte Gesichtslos ist. Farblos. Meinungslos. Angepasst. Unterwürfig. Emotionslos. Folgsam. Brav wie ein gut erzogener Hund an der Leine. Also ganz dem Wunschbild der Politik entsprechend. Unabhängig davon, ob sich die hier Eingeordneten selbst so sehen, ist es von Seiten der Zu-Ordner eine herablassende und abfällige Einstufung. Vor allem, weil sie unwahr ist. Nur weil Einige ihre Ruhe haben wollen, genervt von der Politik, oder einfach zu sehr mit ihrem Überlebenskampf beschäftigt sind, heißt das noch lange nicht, dass sie sich als Unsichtbar bezeichnen.

Weil Politiker längst die Bedeutung von einem Volksvertreter vergessen haben, behandeln sie alle gleich. Deshalb sind sie über die zutage getretenen Unterschiede so erschrocken. Einsilbig sind sie auf der Suche nach Erklärungen, aber zu mehr als leerem Geschwätz reicht es nicht. Lieber wird gleich noch an der dramaturgischen Schraube gedreht und die Gesellschaft kurzerhand gespalten. Links/Rechts, Oben/Unten. Zahlenmäßig vier sehr verschieden große Stücke, die keine Rückschlüsse auf ihre Bedeutung zulassen, denn ihre Wertigkeit ist gänzlich anders gelagert.

Leider entspricht die Spaltung der Gesellschaft den Tatsachen. Womit die Nichtigkeit der bemühten Phrase unterstrichen wird. Eine möglicherweise neutrale Mitte kann in diesem Szenario nicht vorhanden sein. In einem der Viertel befindet sich jeder von uns. Innerhalb der Einzelteile mag man Ränder ausmachen, die extremistischer besetzt sind. Vielleicht färbt auch die Nähe eines Nachbarn ab oder die eigene Unentschlossenheit erschwert eine Zuordnung. Fakt ist jedenfalls, die beschworene Mitte ist ein Fantasiegebilde.

Wozu also das Gerede von der Mitte der Gesellschaft? Dient es der Besänftigung? Ist es ein Mantra, um sich das Vorhandensein einzureden oder schlimmer noch, anderen einzubläuen?

Welches Ziel wird damit verfolgt? Beruhigung? Vertuschung? Wen? Was?

Stellt sich nicht eher die Frage, ob diejenigen überhaupt noch Ernst genommen werden können? Betonen sie mit der penetranten Wiederholung nicht ihre Ahnungslosigkeit? Oder sollen sich diejenigen, wer auch immer damit angesprochen werden soll oder sich angesprochen fühlt, in Sicherheit wiegen? In welche? Das alles gar nicht so schlimm ist?

Von Politikern ist leeres Geschwafel alltäglich, von der Presse sollte man hingegen mehr erwarten dürfen. Jedoch entpuppt sich deren ständiges Pochen auf eine objektive Berichterstattung als katastrophaler Bullshit. Mehr als oberflächliches Geseier kommt nicht heraus. Die punktuell investigativen Aufdeckungen dienen ebenfalls nur der Sensationsmache. Eine umfassende Aufarbeitung, herstellen von Zusammenhängen oder suchen nach den noch dahinter befindlichen Ursachen bleiben stets aus. Zudem existiert ihre angebliche Neutralität nicht, denn die Meldungen formulieren Menschen und die sind immer von ihrer eigenen Meinung gelenkt, egal wie häufig sie das auch von sich weisen. Diese Zutaten ergeben am Ende einen ungenießbaren Brei, der negative Stimmungslagen befeuert.

Wer immer also diese unsägliche Binsenwahrheit verwendet, sollte mit Nicht-Beachtung bestraft werden, denn genau das drückt es gegenüber den Adressaten aus. Diese Banalität ist gleichfalls belanglos, was aus der wohlgemeinten Aufwertung eine unwürdige Abwertung macht. Ähnlich gelagert wie die doppelte Bejahung, der ein "du kannst mich mal" zugrunde liegt.

Jeder Mitbürger ist Teil der Mitte und eben auch nicht, weil jeder sein gutes Recht auf Individualität bewahren will. Die ist im Übrigen unverrückbar, da sie tief in den menschlichen Genen verankert ist. Nur wenn man einen Menschen bricht, kann diese Programmierung ausgehebelt werden. Verständlicherweise löst ein derartiges Vorhaben ein entsprechend massives Abwehrverhalten aus, was wiederum nur ein natürlicher Instinkt ist. Mit der künstlichen Schaffung einer Mitte wurde in den Köpfen der Menschen unvermeidlich etwas eingepflanzt, was absolut entgegen jedem Wunsch nach einer toleranten Gesellschaft seine Kräfte entfaltet – Grenzen! Es wurden Mauern errichtet, hinter denen man sich abschotten kann oder ausgeschlossen wird – je nach Sichtweise.

Alles was mit den hohlen Worten erreicht wurde und wird, liegt offen ersichtlich vor uns und gleicht den Bildern nach einem brachialen Tornado – ein gesellschaftliches Trümmerfeld.

Für die vermeintlichen Intellektuellen ein gefundenes Fressen, können sie sich wohlig und ausgiebig in ihrer eingebildeten Überlegenheit suhlen. Dass sie damit weiter die Konfliktherde befeuern, registrieren sie in ihrem Wahn nicht. Über deren kollektiven Entrüstung könnte man sich amüsieren, wäre es nicht insgesamt so unglaublich besorgniserregend.

Bedauerlicherweise kann man nicht auf substanzielle Veränderungen hoffen. Zumindest nicht in naher Zukunft und ohne die eingeschlagenen Wege zu verlassen. Durch die gesamte Gesellschaft müsste ein merklicher Ruck gehen, der sowohl Einsicht, als auch Willen zum Wandel widerspiegelt. Trotz der enormen technischen und wissenschaftlichen Fortschritte entwickeln sich gesellschaftliche Strukturen zurück. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern ist weltweit zu beobachten. Hinter allem steckt eine gemeinsame Ursache, doch diese Ausführungen gehören in einen eigenen Beitrag.

Seit Langem steigt die Inkompetenz beim politischen Personal. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Die trügerische Friedlichkeit wird ihre Maske ablegen und ihr wahres Gesicht zeigen. Niemand wird das sehen wollen.

Schuld? Die haben wir alle. Jeder zieht Grenzen, denen unser geschwollenes Gerede entgegensteht. Den natürlichen Drang zur Abgrenzung können wir kaum ablegen, weil es die angeborene Einzigartigkeit unterläuft. Unter Beibehaltung dieser könnte dem entgegengewirkt werden, lehrte man von klein auf an die Gleichwertigkeit eines jeden Individuums. Doch der Zug mit den Werten ist schon lange vorbeigerauscht und uneinholbar in einer gähnenden Leere entschwunden. Nur die Älteren tragen noch Erinnerungen daran mit sich herum. Bei aufkommenden Generationen ist deren Anwendung weitestgehend verpönt, wenn nicht gleich gänzlich unbekannt.

Man braucht kein Verschwörungstheoretiker oder Pessimist sein, die dunklen Bilder zeichnen sich inzwischen von ganz alleine. Die Auswüchse der Aussaat sind ebenso unerwünscht und widerspenstig, wie unverwüstliches Unkraut. Mit jedem Einsatz von irrtümlichen Bekämpfungsmitteln vergiften wir uns zusehends selbst.

Wenn nicht endlich die Augen geöffnet werden, kann die Düsterheit nicht erkannt werden. Und es benötigt mehr, als nur ein paar Kerzen, um einen gesamten Überblick zu erhalten. Wer dann den ersten Schritt zu einem Neuanfang macht, spielt keine Rolle. Er muss nur wirksam und für alle gangbar sein. Stellen wir uns dem nicht zeitnah freiwillig, werden uns einschneidende Ereignisse dazu zwingen. Dann über die verpassten Chancen jammern und lamentieren würde bedeuten, "nichts dazu gelernt", aber das beweisen wir ja schon jetzt.


11.10.2017 | Tags: #Gesellschaft #Menschen #Politik #Unfähig #Worthülsen #Zukunft

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